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Leistungserhalt braucht Erholung, Pausen und Ausgleich

Worum geht es im Spitzensport? Oft um Höchstleistung zu einem gegebenen Zeitpunkt. Dafür spielt der Erhalt körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle und ist ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. Es ist im Spitzensport eine banale Erkenntnis, dass es nicht möglich ist 53 Wochen gute Leistungen zu bringen, von Höchstleistungen ganz zu schweigen. Spitzenleistung und Leistungserhalt brauchen Erholung, Pausen und Ausgleich. Und so hat man sich in der Sportwissenschaft Gedanken gemacht, wie man diesen Prozess steuern kann.

Im Spitzensport stoßen wir immer häufiger an eine Grenze, was Trainingsumfänge und –intensitäten angeht. In den harten Trainingsphasen arbeiten Tennisprofis z.B. 6-7h / Tag im Athletik- und Tennisbereich. Es ist nicht möglich noch mehr zu trainieren (es sei denn man greift zu verbotenen Substanzen. Dann toleriert ein Athlet die Trainingsumfänge wesentlich besser und kann sich dadurch über Zeit einen Vorteil „antrainieren“). Für die allermeisten Athleten und Trainer ist das keine Option und es finden auch keine Gespräche darüber statt. Daher werden die regenerativen Maßnahmen zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.

Wie nehmen Sie das in Ihren Unternehmenskontexten wahr? Inwieweit die faktische Arbeitsbelastung dabei das Erschöpfende ist oder es das immer mehr zunehmenden hinterfragen der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns ist… darüber kann man diskutieren.

Wenn es um Potentialentwicklung im Sport geht, dann kommt der Optimierung der regenerativen Maßnahmen eine hohe Bedeutung zu. Das, was in jedem Fall verhindert werden muss ist das Übertraining. Im Zustand des Übertrainings kommt es gehäuft zu Verletzungen, die Leistungsfähigkeit sinkt oft deutlich ab und auch Gefühlsschwankungen und hartnäckige Motivationslöcher nehmen zu. In diesem Zustand ist es NICHT möglich Spitzenleistungen abzurufen und aufrechtzuerhalten.

Diesen Zustand könnte man etwas vereinfacht auf andere Leistungskontexte übertragen. Dann würde man nicht von Übertraining, sondern von Burnout und Erschöpfungszuständen sprechen. Sind Ihnen Fälle von Kollegen bekannt?

Im Sport würde es nicht sehr lange dauern bis ein guter Trainer, ein Trainerteam dies mitbekommt. Es ist undenkbar, dass sich so ein Zustand eines Athleten über Wochen hinzieht, ohne bemerkt zu werden. Im Spitzensport gibt es einfach zu viele Hinweise, bei denen sofort ein rotes Licht angehen würde. Dafür ist der Trainingsprozess zu professionell durchgeplant. Und letztlich haben auch die Athleten ein gutes Gefühl für den Stand Ihrer Leistungsfähigkeit und würden Beeinträchtigungen recht schnell an Trainer und Team zurückmelden und man würde sofort Schritte einleiten, die zu optimal schneller Regeneration führen würden.

Wie ist das in anderen Arbeitswelten? Ich erlebe es ständig, dass Menschen ihren Leistungsstand, Ihre Energie völlig falsch einschätzen. Da es in manchen Leistungskontexten scheinbar als „normal“ gilt, sich öfter müde zu fühlen, wenig zu schlafen, sich durch Arbeitstage und Meetings „durchzupushen“ und abends öfter gereizt zu sein. Da es Vielen so geht, werden 60% oder 70% Leistungsfähigkeit oft zu 100% erklärt. Es gibt oft keinen Referenzpunkt mehr für 100%. Müdigkeit und Erschöpfung gehören dann eben dazu. Das ist eben so. Da muss man durch. Man erhält kein Feedback dazu und so kämpft man sich eben durch die Arbeitszeit. Im Sport ist das undenkbar!

Wichtig ist mir hier zu erwähnen, dass es nicht immer leicht ist, dies zu ändern. Andere Arbeitswelten sind mittlerweile so komplex und vielschichtig. Jedenfalls in den allermeisten Fällen wesentlich komplexer als im Spitzensport. Oft befinden sich Führungskräfte in inneren Zwickmühlen, die die Wahrnehmung einschränken. Die Lösung scheint dann oft in einer einseitigen Loyalität für die Funktion im Beruf und gegen den eigenen Organismus und eigene Bedürfnisse zu liegen. Es ist nicht einfach immer nur ein Ego Trip beruflich erfolgreich zu sein. Viele machen es auch für andere, für die Familie.

Die Sportwissenschaft kennt wichtige Trainingsprinzipien, die dringend Berücksichtigung brauchen, wenn Erfolg angestrebt wird und Leistungsfähigkeit, mentale Frische und Zielorientierung hochgehalten werden sollen. Z.B. Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung / Prinzip der Belastungsvariation / Prinzip der Periodisierung und Zyklisierung /  Prinzip der Individualisierung und Altersgemäßheit. Natürlich sind diese Prinzipien nicht in Stein gemeißelt und es gibt Interpretationsspielraum, aber kein erfolgreicher Trainer im Spitzensport würde diese Prinzipien grundsätzlich vernachlässigen.

Ausgesprochen wichtig ist es, dass Jahr in Zyklen und Perioden zu unterteilen. Regenerative Phasen, Vorbereitungphasen, Wettkämpfe, harte und leichtere Trainingsblöcke. Diese Phasen wechseln sich ab. In langen und kurzen Zeit-Intervallen. (Stellen Sie sich dafür eine einfache Jahreskurve mit Wellenverläufen vor). Natürlich gibt es auch Phasen, die sich nicht steuern lassen, die man auch gar nicht groß steuern will. Das sind die hochintensiven Turnierphasen. Vor allem die Grand-Slam Turniere, bei denen über 3 Gewinnsätze gespielt wird. So ein Match kann durchaus 4-5h dauern, und wer im August schon mal in New York war oder im Januar in Melbourne, kann erahnen, was es für eine körperliche und mentale Fitness dafür braucht. Aber das sind auch die Phasen, die alle im Profisport Beteiligten, Athleten und Trainer, so lieben. Wenn es so richtig an die Grenzen geht, wenn nichts mehr gesteuert werden kann und man einfach Kräftreserven anzapft, von denen man oft gar nicht wusste, das man sie hat. Dann geschehen Dinge auf einem Tennisplatz, die rational nicht mehr erklärbar sind. Das sind dann diese Matches, bei denen sich plötzlich alle Spieler und Trainer im Locker Room vor dem Bildschirm versammeln und jeden Punkt mitverfolgen und oft lautstark begleiten. Aus einer Mischung von Wertschätzung, Respekt, Liebe zum Sport und Mitfühlen der körperlichen Schmerzen der Spieler „da draußen“.

Übertragen auf Unternehmenskontexte wären das Projekte, die unter extremen Erwartungs- und Zeitdruck abgeschlossen werden müssen. Wo Deadlines eigentlich nicht einzuhalten sind. Die spontane, kreative Lösungen brauchen. Und dann, irgendwie, im Teamflow gelingt es doch.

Das kann eine große Befriedigung bringen. Es kann sehr erfüllend sein an die eigenen Grenzen zu gehen, sich auszupowern bis zum Letzten, etwas Wichtiges umzusetzen, Sinn in dem Ganzen zu sehen. Kunden etwas Gutes abzuliefern. Vielleicht ist das für Körper & Verstand (vorübergehend) nicht immer gesund, im Spitzensport ganz sicher nicht, aber manchmal muss es halt sein.

Den großen Unterschied, den ich allerdings immer wieder zwischen Spitzensport und Spitzenmanagement sehe, ist das Verhalten im Anschluss an diese hochintensiven Phasen.

Was glauben Sie, was Spitzensportler nach einem langen, anstrengenden Turnier tun? Nichts! Aktive Regeneration, Ausruhen, andere Sportarten. Teilweise für 1-2 Wochen. Von Roger Federer ist bekannt, dass er nach einem großen Turnier den Schläger für 2 Wochen nicht in die Hand nimmt. Oft spielen die Top-Athleten 5 Wochen kein Turnier.

Dazu braucht es eine Einsicht! Da ist kein Antreiber, der sagt: Mann, du musst trainieren. Was sollen die anderen denken. Bestimmt sind die beim nächsten Turnier besser… Es braucht einen inneren Beobachter, der das sicherstellt. Eine innere Instanz.

In anderen Arbeitswelten sieht das oft anders aus.

Wie ist das bei Ihnen? Wie steuern sie Belastung und Erholung? Was sind Ihre Steuerungs-Prinzipien? Und wo steuern Sie gar nicht?

Bringen Sie Qualität in Ihre Erholungsphasen…