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Resilienz. Ein paar Gedanken dazu…

Meine letzte Nacht war um 3 Uhr beendet. Einschlafen konnte ich nicht mehr. So stand ich auf. Ging ins Wohnzimmer, schaute aus unseren Fenstern in den Innenhof unseres schönen Gutshofs. Es war still und friedlich. Über dem Gutshof war der angeleuchtete Turm unserer Dorfkirche zu sehen.

In mir nahm ich eine Mischung aus Schwermut und Dankbarkeit wahr. In vielen unterschiedlichen Schattierungen. Was damit tun? Einfach sein damit? Ignorieren? Produktiv werden?… Ich blieb am Fenster stehen. Starrte vor mich hin… Irgendwann kam der Gedanke: Was heißt es eigentlich resilient zu sein? Genau JETZT! In DIESEN Momenten, nachts um 3 Uhr?

Ich war zu müde darüber nachzudenken. Mein Geist produzierte irgendetwas an Gedanken und Gefühlen. Ich lies es geschehen. Frühmorgens dann noch 2h Schlaf. Als ich aufstand war es hell, meine Frau und Kinder waren wach und alles lief wie immer.

Irgendwann am Tag kam mir meine Frage der vergangenen Nacht wieder in den Sinn: Was heißt es eigentlich JETZT resilient zu sein?

Ich dachte darüber nach… Ich glaube, dass Resilienz ein Entdeckungs-Prozess ist, ein Improvisations-Prozess ist. Es braucht immer wieder… und immer wieder aufs Neue ein neugieriges Offen-Bleiben für das, was gerade auftaucht und immer wieder neu improvisierend darauf zu antworten. Einen Abstand dazu zu halten. Und gleichzeitig eins zu werden mit diesen unterschiedlichen Zuständen, Gefühlen und Gedanken, ob herausfordernd oder angenehm. Ich bin diese Zustände, und ich bin sie nicht. Wenn ich beides halten kann, dann sind sie ein Weg in die Lebendigkeit. In die Leere und Substanzlosigkeit und gleichzeitig in die Fülle und das Herz.

Resilienz heißt nicht (nur) einen Weg zu finden in produktive, angenehme, effektive Zustände. Es heißt Mensch zu bleiben… verletzlich, verwundbar, verbunden. Mit dem zu sein, was gerade ist. JETZT… Daraus entsteht wahre Resilienz, weil nur so haben wir die Chance in eine Zufriedenheit zu finden, die immer seltener unterscheidet in mag ich, mag ich nicht, will ich so, will ich anders haben… Wir leben dann weniger aus einem Mangel. Die Selbstwichtigkeit verliert ihren Griff. Dann erkennen wir, dass es bereits Gnade ist am Leben zu sein, in dieser wundervollen Welt und teilzunehmen an der Achterbahnfahrt unseres Lebens, gemeinsam mit allen anderen.

Dann entsteht mehr die Erkenntnis, dass das Leben an sich (im größtmöglichen Kontext vorgestellt) bereits resilient in sich ist. Und das alles, was uns mit dem großen Ganzen verbindet in die Resilienz führt. Und dass unsere Impulse uns zurückzuziehen; uns in unsere rationalen Konzepte zu flüchten; unsere Verweigerung uns als Teil des Lebens zu verstehen, Resilienz untergräbt. Wir pflegen alle sehr unsere kleinen individuellen Unterschiede und sind oft noch stolz darauf und verstehen nicht, dass wir alle viel ähnlicher sind, als wir meinen. Wir sehen die Quelle nicht mehr. Und ein guter Weg sich dieser Quelle wieder bewusst zu werden, ist es sich mit dem eigenen Körper zu verbinden. Dort ist das Leben spürbar. Der Atem; die Lebensenergie, die durch uns strömt. Wenn ich damit in Kontakt komme, anwesend bin, dann kann sich ein Raum öffnen, in dem meine ICH-Grenzen sich verschieben in etwas Größeres. Dort liegt Sicherheit (obwohl das Bedürfnis dafür sinkt) und die Verbindung zum Großen, uns weit Übersteigendem – und eben auch Resilienz.

Und dann… Mehr mit diesem Bewusstsein in Kontakt zu sein, daraus können wir uns unseren kreativen Ideen zu wenden. Projekte loslassen, weil sie ihren Sinn verloren haben. Energie in anderes stecken. Soziales, kulturelles und politisches Engagement entwickeln, um auf Missstände aufmerksam zu machen und auf Widersprüche, mit dem Ziel, die Welt zu einer etwas Besseren zu machen. Perspektiven teilen, die neu und erhellend für andere sein können. Alte meditative Traditionen würdigen, in dem wir sie praktizieren und versuchen ihre Weisheit zu erfahren und weiter zu geben…

Vielleicht glauben wir zu sehr an unsere Vorstellungen wie ein zufriedenes, resilientes Leben auszusehen hat. Wie ein erfüllendes Leben sein sollte. Was es alles dafür braucht. Das ist nicht leicht, weil es voraussetzt, dass wir hinter unsere kulturelle Konditionierung schauen können, die uns ein limitiertes Bild von Glück, Erfüllung und Sinn vermittelt. Vielleicht ist es ganz anders… Vielleicht ist es so, dass dieser Moment bereits alles dafür enthält. Wenn wir stehen bleiben würden, und diesen Augenblick nicht immer nur im Vorübergehen wahrnehmen würden. Diesen Moment. JETZT.

Dazu fällt mir eine Textpassage aus einem Ken Wilber Buch ein, die ich sehr mag:

Diese alles durchdringende Schönheit ist keine Übung in schöpferischer Phantasie. Sie ist die tatsächliche Struktur des Universums. Diese alles durchdringende Schönheit ist wahrhaftig jetzt in diesem Augenblick die wirkliche Natur des Kosmos. Sie ist nichts, was man sich vorstellen müsste, weil sie schlicht die tatsächliche Struktur der Wahrnehmung in allen Bereichen ist. Wenn man im Auge des GEISTES bleibt, ist jedes Objekt ein Objekt strahlender Schönheit. Wenn die Tore der Wahrnehmung aufgestoßen sind, ist der ganze Kosmos dein verlorener und wiedergefundener Geliebter, das ursprüngliche Antlitz der ursprünglichen Schönheit, von Anbeginn und in alle Ewigkeit. Im Antlitz dieser betäubenden Schönheit wirst du mit schwindenden Sinnen in deinen eigenen Tod versinken, und nie mehr wird man von dir etwas hören und sehen, außer in jenen sanften Nächten, in denen der Wind sacht über die Hügel und Berge weht und leise deinen Namen ruft.“ (Ken Wilber)