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Warum das Alte anerkennen, wo es doch um das Neue geht? Das Alte ist vorbei! Es geht doch darum, dass Neue zu planen, Ziele zu setzen, Visionen zu entwickeln. Vorbereitet zu sein für das, was kommt. Nicht unnötig gebunden zu bleiben, an dem, was war. Das verschwendet nur Energie. Loslassen in die Zukunft. Kreative und innovative Lösungen. Mit der Zeit gehen, offen sein, neue Impulse suchen. Aufmerksamkeit bündeln und los geht’s…

Ist es nicht so?

Warum also das Alte anerkennen? Warum ein Blick ´zurück`? Das hört sich nicht sehr verlockend an. Wo sollen hier Ressourcen für die Zukunft liegen?

Und doch: Wenn das Neue zukunftsfähig und gut werden soll, dann geht das nur darüber, dass wir das Alte anerkennen.

Warum?

Das Alte anerkennen bedeutet hinzuschauen und sich den Prozessen zuzuwenden, die uns zu dem gemacht haben, was wir JETZT sind. Wenn es uns wirklich um etwas Neues geht, dann brauchen wir den Blick zurück. Was waren die inneren Ressourcen, die bewahrenswert sind? Was ist bisher gut gelungen? Was sind meine Stärken? Wofür bin ich dankbar? Diese inneren Kapazitäten müssen wir erkennen und kultivieren. Dies sind die Qualitäten, mit denen wir ins Neue starten. Es braucht ein solides Fundament. Sonst gibt es keine Anschlussfähigkeit an das Neue. Es wird zu komplex und es wird mehr Chaos entstehen.

Ein Blick zurück beinhaltet auch unsere blinden Flecken, unser Scheitern und unsere Unzulänglichkeiten. Ein Blick in unsere Schattenwelt. Das kann eine Herausforderung sein, weil es unser Selbstbild ankratzt. Und weil wir das oft nicht wollen, reden wir uns ein, dass es nur um Lösungen, die Zukunft und um das Neue geht.

Doch wenn wir nicht unseren Blick auf das Alte schärfe, dann wird das Neue nicht wirklich neu, sondern verkommt zu einer Wiederholung des Gestrigen. Vermeintlich nur schöner verpackt.

Andererseits gibt es keinen Grund irgendetwas zu beklagen. Denn wo eine Krise ist, gibt es auch Hoffnung.

Auf die Nacht folgt irgendwann ein neuer Tag. In der Nacht zu leben, ist deshalb nicht schlimm, denn sie ist die Zeit der Sammlung, der Erneuerung – die Zeit des Potenzials, das sich am neuen, künftigen Tag entfalten wird. Es gilt nur, die Nacht als eine solche Zeit des Werdens zu erkennen.

In der Nacht verschwimmen die Konturen. Nichts in ihr ist unterschieden. Und deshalb ist in ihr auch nichts entschieden. Alles ist möglich in ihr. Sie bringt den Rausch, den Wahnsinn, das Chaos, die Auflösung und den Neubeginn. Es ist ein unbestimmter, aber fruchtbarer Zustand.

Die Nacht ist heilig als der Uterus des Künftigen und als Gedächtnis des Gewesenen.

Durch das Andenken an den vergangenen Tag gestärkt, fühlt er sich nun ermutigt, kühn den Blick nach vorn zu lenken.

Dessen gewiss, dass ein neuer Tag anbrechen wird, verliert die Nacht ihren Schrecken… Warum soll dies nicht auch künftig möglich sein? Warum soll der Gott, der Geist nicht neuerlich zur Sprache kommen wollen? Warum soll diese Zeit nicht die Zeit der Sammlung und Reife eines disruptiven Neubeginns sein?

Hierauf muss sich einlassen, wer eine neue Ordnung gründen möchte… das Entstehen einer Heimat, eines Raumes, in dem Menschen leben und erblühen können; der sich herausbildet aus den chaotisch-revolutionären, hochherziehenden Stürmen der Zeit… Es geht um die Geburt einer neuen, guten Ordnung des Lebens nach dem Niedergang des Alten: einer wirklich neuen, disruptiv neuen Ordnung, die nicht einfach das Alte fortsetzt, sondern in der unermesslichen Werkstatt des freudigschauernden Chaos reifte, um nun lebensspendend unter die Menschen zu treten und einen blühenden Kulturraum zu öffnen: eine Heimat.

So kann der Blick zurück klarer werden lassen, wie bisher Sinn und Bedeutung erzeugt wurde. Was waren die mentalen Modelle hierfür? Die Grundannahmen? Was waren bisher Bilder von Erfolg, Leistung, Sicherheit und Glück? Gesellschaftliche Entwicklungen? Kümmert das überhaupt?

Und die vielen Irrungen und Wirrungen in uns? Den vielen Situationen, in denen wir nicht gerade in Bestform entschieden habe? Können wir auch das anerkennen?

Und auf einer ganz handfesten, sichtbaren Ebene: Können wir zu unseren Körpern, unserer Leistungsfähigkeit, unserem Gesundheitsstatus ´Ja` sagen?

Der Grund warum wir uns also oft wenig um das Alte kümmern wollen, hat vermutlich damit zu tun, dass wir mit vielem in uns nicht wirklich in Frieden sind. Vieles in uns ablehnen. Vieles verdrängen. Doch uns nur auf unsere Sonnenseiten zu konzentrieren funktioniert auch nicht so richtig.

Wenn wir das Alte aber nicht anerkennen, dann kontrolliert es uns. Es wird sich in unsere Entscheidungen, Vorannahmen, Bewertungen einschleichen – ganz offensichtlich oder subtil.

Die Lösung dafür scheint für die meisten von uns der Blick in die Zukunft zu sein. Die Überzeugung dahinter: Wenn ich nur heute aufmerksam die `richtigen´ kleinen und großen Entscheidungen treffe, dann wird die Zukunft gut. Dann wird es irgendwann ruhig, entspannt und freudvoll in mir. Ich kann dann endlich im Augenblick leben. Das Problem dabei: das haben wir vor 10 Jahren, vor 5 Jahren auch schon gedacht.

Eine treffende Aussage dazu, die ich irgendwo mal gehört habe: Irgendwann verstand ich, dass das, was ich noch für das Stimmen der Instrumente hielt bereits das Konzert war…

Was ist nun das Neue? Können wir das Neue bereits kennen? Oder ist es per Definition eben neu und damit noch gar nicht in der Wahrnehmung vorhanden? Oder ist es eher ein Wiedererkennen? Ist bereits etwas in uns schlummernd angelegt, was durch neue Zugänge sichtbar gemacht wird?

An der Beantwortung dieser Fragen kann man sich lange abarbeiten.

Mir geht es hier eher um einen praktischen Zugang. Je mehr Wahrnehmungsorgane wir haben, desto mehr werden wir in einer Situation Neues lernen.

Machen wir das am Phänomen ´Stress` klarer.

Ich erfahre mich in meinem täglichen Arbeitsalltag gestresst. Ich kann dann mentale Tools erlernen, die es mir ermöglichen, mich besser zu regulieren. Mich in bestimmten Situationen mehr mit Mut und Kraft in Kontakt zu bringen, in anderen Situationen eher mit Ruhe, Gleichmut und Empathie. Das kann man erlernen. Und wenn es funktioniert – wunderbar. Dabei kann ich es belassen. Wenn ich nun merke, dass mentale Tools nicht ausreichend sind und über Zeit ihre Wirkung nicht mehr entfalten – was wäre dann das ´Neue`?

In Fragen formuliert:

  • Wenn ich meinen Verstand zurückstelle, welche Wahrnehmungsmöglichkeiten habe ich noch?
  • Wenn es in den stressigen Situationen gar nicht um mich ginge, sondern um eine bestmögliche Antwort für die Situation an sich, was dann?
  • Wenn ich beginnen würde die Situationen in längeren Zeitdimensionen zu denken (1 Jahr, 5 Jahre, den Rest meines Lebens, über Generationen hinweg) – was passiert dann in mir?
  • Wenn ich mir bewusst machen würde, dass es in anderen Kulturen ganz andere Sichtweisen darauf gäbe?
  • Wie würden die Menschen darauf reagieren, die mich in meinem Leben am meisten inspiriert haben?
  • Welches Feedback würde ich gerade nicht hören wollen? Und lasse ich Feedback überhaupt zu?
  • Wie fühlt sich meine Essenz auf Seelenebene an? Welche Impulse kommen von dort?

Das ist eine kleine Auswahl an Fragen, deren Beantwortung mehr Perspektiven brauchen. Diese auszubilden, zuzulassen, ihren Wert zu erkennen wäre ein wesentlicher Schritt wirklich Neues zu erkennen.

Gerade (Ende Mai 2020) befinden wir uns immer noch stark durch den Verlauf der Corona-Situation beeinflusst. Auch das kann uns dazu bringen neu auf unser Leben zu schauen. Was sind eigentlich die tiefen Grundüberzeugen auf deren Grundlage sich mein Verhalten und Leben gründet? Und haben sie jetzt noch Bestand? Jetzt wo ich vielleicht in eine schwere finanzielle oder Angstkrise rutsche. Krisen zwingen oft dazu neue Wahrnehmungswege zuzulassen. Was wird mir klarer? Was ist mir wesentlich?

Das Alte anerkennen… Ein Meditationslehrer, bei dem ich viele Jahre praktiziert habe, sagte einmal, dass die wichtigste Fähigkeit auf dem Weg spiritueller Entwicklung, die Fähigkeit des Selbstmitgefühls sei. Obwohl ich es lange Zeit für übertrieben hielt, ist es mir immer in Erinnerung geblieben. Heute verstehe ich etwas mehr die Weisheit in diesem Satz. Natürlich ist damit nicht eine subtile Form einer narzisstischen Selbstliebe gemeint, sondern ein wirklich tiefes Annehmen meiner Geschichte. Mit den vielen Narben; den vielen falschen Entscheidungen; den respektlosen Reaktionen anderen gegenüber; den Projekten, die gescheitert sind. Und in einer Gesellschaft, die ein sonderbar ambivalentes Verhältnis zum Körperlichen hat, meint das auch eine Annahme unserer Körper, so wie sie sich jetzt in diesem Augenblick zeigen. Unserem Gesundheitszustand, der vielleicht nicht der beste ist.

In einer Gesellschaft, die der kognitiven Leistungsfähigkeit viel Raum gibt, Nutzen und Zweck priorisiert, hat das wenig Platz. Und doch gibt es mehr psychische Erkrankungen als je zuvor.

Das Alte in uns in Dankbarkeit und Würdigung anerkennen, das bringt uns mehr inneren Frieden. Das schafft eine innere Atmosphäre von Ruhe, Stille, Zuversicht, Freundlichkeit und Kraft. Man könnte sagen: Mehr Resilienz, Anti-Fragilität.

Die Seele derer, die in einer so erblühten Welt leben dürfen, wird auf den Grundakkord des Dankes gestimmt sein. Dankbarkeit ist die wichtigste religiöse Haltung: denn in ihr bindet der Mensch sich zurück ans heilige Sein dieser Welt. … die Bekundung des Dankes an das sprachlos und unbekannt Waltende… den Raum der Zukunft öffnet: Zukünftiges bereitet.

Und das ist ein guter Nährboden für das Neue, das durch uns entstehen will oder kann. Dem ich mich dann mit Neugier und Offenheit zuwenden kann. Mit meinem analytischen Verstand, der so wunderbare Dinge denken kann; meinem Herz und dessen Weisheit; meinem Körper, der nur wartet mit mir zusammenzuarbeiten; Poesie und Musik – und in der freundlichen, tiefen Verbindung mit anderen Menschen. Denn das kollektive Wir ist der größte Weisheits-Raum.

Komm, ins Offene, Freund! Es geht um Aufbruch – um Aufbruch aus der Enge der Gänge und Gassen des täglichen städtischen Lebens. Es geht um Aufbruch aus der dumpfen und trüben Enge eines Daseins, dem es am Gesang ermangelt.

Vom Offenen verspricht er sich trunkene Begeisterung und Inspiration… Sie folgen ihrer Sehnsucht nach Lebendigkeit – nicht mehr und auch nicht weniger.

Es zieht sie ins Offene als zu einem Ort, an dem Worte wie Blumen entstehen können: Worte, die vom lebendigen Sein der Welt künden, weil sie selbst lebendig sind.

Vor allem eines gilt es neu zu nennen: die heilige Erde, die Mutter, die Natur. Sie ist doch das allumfassende und allgebährende Leben, das in seiner Heiligkeit genannt sein will: das Ein und Alles, die Göttlichschöne, die sich in den liebenden Streit von Chaos und Ordnung austrägt. Diese unsere Welt, die lebendige Welt der Natur – die wir so geschunden haben – muss in ihrer Heiligkeit zu Wort kommen, wenn die Menschheit nicht für alle Zeit umnachtet bleiben soll. Für sie müssen Worte wie Blumen entstehen.

Die göttliche Lebendigkeit der Welt nimmt den Menschen neuerlich in Anspruch. Sie berührt ihn zutiefst – und er antwortet ihr mit einer neuen Religion: mit seiner Hingabe ans Leben, seiner Liebe, seiner Leidenschaft und Begeisterung.

Wer die Götter sind und wie sie heißen, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass der Mensch ergriffen ist vom Göttlichen.

…Indem er sich dem Göttlichen zuwendet, erfüllt sich sein Wesen. Doch was ist das für ein Wesen? Worin erfüllt sich das Menschsein so sehr, dass es wahr und wesentlich ist? … Der Mensch ist ein Gespräch – ein Gespräch mit der Welt, in dem sich diese Welt in ihrer Heiligkeit enthüllt.

Viel hat erfahren der Mensch / Der Götter viele genannt / Seit ein Gespräch wir sind / Und hören können voneinander.

Der Mensch ist ein Gespräch, ein Gespräch mit dem lebendigen Sein der Welt, in dem er dessen Göttlichkeit gewahrt. So ereignet sich das wahre Menschsein in der Rückbindung ans Sein.

Sind denn dir nicht verwandt alle Lebendigen […]? / Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts! / Was geschiehet, es sei alles gesegnet dir, / Sei zur Freude gewandt!

Kursive Textstellen aus: Zu sein, zu leben, das ist genug – Christoph Quarch