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Burnout, unwillkürliche Prozesse und der innere Schweinhund – Teil 1

Der Begriff Burnout ist mittlerweile ein gängiger Begriff. Und da er im täglichen Wortschatz angekommen ist, gibt es jede Menge Assoziationen mit diesem Begriff.

Die Arbeitsanforderungen, die Intensität und die Erwartungen sind in den letzten 15-20 Jahren massiv gestiegen. Besonders für die Kulturträger unserer Gesellschaft, die die sehr engagiert arbeiten, die es besonders gut machen wollen, die sind gefährdet. Die, die eine ruhige Kugel schieben, kriegen keinen Burnout hin!

Wichtig ist zu verstehen, dass Burnout erstmal nur eine Metapher ist. Niemand brennt wirklich aus. Wir sollten uns nicht hypnotisieren und versklaven lassen von diesem Begriff. Mit Burnout ist in der Regel ein massiver Erschöpfungszustand mit entsprechenden Begleiterscheinungen (Verdauungsstörungen, Schlafstörungen, Gereiztheit, Lustlosigkeit, Sinnleere, Konzentrationsschwäche) gemeint. Aber eigentlich geht es gar nicht so sehr um die Symptomatik und die phänomenologische Beschreibung. Wesentlich geht es doch darum Burnout in ein gewünschtes Erleben zu transformieren.

Dafür ist es hilfreich zu verstehen, was eigentlich dafür verantwortlich ist, dass diese inneren Prozesse, die in die Erschöpfungszustände führen, aufrechterhalten werden. Es gibt ja mittlerweile eine Flut an Ratgeberliteratur. Man soll sich entspannen, ein Zeit-Management machen, bewegen, usw. Das sind gute Ansätze, oft hilfreich. Aber manchmal eben auch nicht. Oft bleibt es einfach ungeheuer schwer Prioritäten zu setzen, trotz der vielen Tipps.

Wir haben eine bestimmte Zeit- und Energiekapazität. Und wir haben verschiedene Felder, die uns in Anspruch nehmen. Man könnte von Energiefeldern oder Anspruchsfeldern sprechen. Diese führen viele Menschen oft in extreme, innere Zwickmühlen, weil versucht wird den Anforderungen und Erwartungen der Organisation und denen der Familie gerecht zu werden. Das ist manchmal kaum machbar. Darunter leiden viele. Es ist oft nicht einfach nur ein narzisstischer Ego Trip, beruflich erfolgreich zu sein. Viele schuften für die Familie oder Angehörige.

Das ist für viele von uns oft ganz schwierig zu lösen. Manche bekommen von der eigenen Familie auch noch kritische Rückmeldungen, Muss die viele Arbeit den immer sein? oder mach doch noch ein bisschen mehr, dann kannst Du weiter aufsteigen in der Hierarchie. Manchmal ist es das Unternehmen, welches einen hohen Anspruch an Führungskräfte und Mitarbeiter formuliert. Diese Zwickmühlen können extrem belastend sein. Und wir haben jetzt noch gar nicht darüber gesprochen, dass es auch noch persönliche Bedürfnisse gibt, einen Körper, der Bewegung möchte, Hobbies, mal wirklich in ein Buch eintauchen…

Und natürlich auch Fragen nach dem Sinn des Ganzen. Fragen wie: Wofür mache ich das eigentlich alles? Dann wird klar, dass man dazu eigentlich 30 oder 40 Stunden / Tag bräuchte. Aber die hat man nicht. Und was daraus entsteht kann ein ständiges Erleben von Defizit sein. Natürlich gibt es dazwischen immer wieder auch Erfolgserlebnisse. Aber wenn das nicht in Balance ist, dann höhlt das Defiziterleben einen mit der Zeit aus.

Die Ratgeberliteratur hat dafür gute Tipps: Bei schwierigen Aufgaben soll man gelassen bleiben, immer locker tief durchatmend, dauerhaft zufrieden, im Flow durch den Alltag schweben. Diese Erwartungskriterien, die man da so hat, die wirken natürlich auch in die Selbstbewertung und damit auf die Reaktionen in bestimmten Situationen. Das heißt diese Erwartungshaltung – immer zufrieden usw. – ist nicht sinnvoll, wenn man sie in dieser einseitigen kategorischen Art macht und schon mal gar nicht unter solchen Situationsbedingungen.

Z.B. Entspannung in einer systemischen Sichtweise ist immer auf Kontextbezogenheit zu prüfen. Entspannung ist ja gut, aber in welchen Lebenskontexten können sie das wirklich gebrauchen? In ganz wenigen! Es ist immer zu prüfen, dass das was man in einem Kontext lernt auch in einem anderen Kontext hilfreich und übertragbar ist. Es geht also um kontextangemessenes Lernen.

Z.B.: Im Leistungssport visualisieren wir das eigentliche Wettkampfgeschehen. Wir versuchen eine Balance herzustellen zwischen An- und Entspannung. Wir schauen, welche Ressourcen in welchen Situationen gebraucht werden, so dass genau diese Ressourcen zur Verfügung stehen und hilfreich sind. Es geht um zieldienliche Ressourcenaktivierung am besten so, dass sie unwillkürlich, also automatisch abläuft. Es geht nicht einfach um Entspannung.

Wir müssen uns letztlich mit 2 Aufgaben befassen:

  • Es geht darum unwillkürliche, hilfreiche, automatische Prozesse systematisch anzuregen. Dafür muss man wissen: Was sind die Bestandteile der hilfreichen, gewünschten unwillkürlichen Erlebnisprozesse.
  • Und, natürlich : Die unwillkürlichen Prozesse, die bisher das ungewünschte produzieren, wie können wir die wirksam unterbrechen.

Eine Sache ist dabei ganz grundlegend zu verstehen: Unwillkürliche Prozesse sind immer schneller und stärker als alles Willentliche. Und da das so ist müssen wir uns immer auch mit den Prozessen beschäftigen, die in ungewünschter Weise in uns ablaufen. Die haben eine enorme automatisierte Sogwirkung. Deswegen hilft es eben meistens auch nicht 20 Bücher zu lesen. Kognitives Verstehen ist gut, hilft aber manchmal gar nicht. Oft erhöht das den Stress noch, da man die Erwartungen an sich noch erhöht: Mensch, ich weiß doch wie es geht, aber es klappt einfach nicht. Auch wenn man gelegentlich Phasen erlebt, in denen man in den Flow kommt, vielleicht nach einem Seminar oder so… Oft hat man nach kurzer Zeit das Gefühl: Ich kriege es einfach nicht auf die Reihe… Der Grund: Die Alltagsfokussierungen haben eine zu starke Sogwirkung.

Wie stellt man also eine optimale Kooperation zwischen den bewussten – man könnte sagen den Gewohnheitswirklichkeiten mit denen wir üblicherweise durch den Alltag laufen – und den unwillkürlichen Kompetenzbereichen her? Eine optimale Kooperation bekommen wir nicht dadurch hin, dass wir einen Kooperationspartner ausblenden oder abwerten. Eine Analogie wäre die eines Paares. Wenn wir anfangen jemanden zu unterdrücken, wird das nicht zu einer harmonischen Beziehung führen. Genauso sieht das aber oft in uns aus. Ein Ausdruck dessen wäre z.B. das schlichte Konzept des inneren Schweinehundes. Ein Teil in uns, der nicht der rationalen (richtigen) Partei angehört, wird einfach beschimpft als Schweinehund. Das ist sicher kein inneres Klima, dass auf Selbstrespekt hinweist im Umgang mit sich selbst. Und wird nicht zu innerer Kooperation (Demokratie) führen. Wieso heißt der innere Schweinehund nicht schlauer Fuchs, kluge Taube? Vielleicht stecken hier viele wertvolle Impulse, die durch Abwertung nicht gehört werden.

Es geht also um die Optimierung von Kooperationsprozessen. Dafür ist es erstmal wichtig in uns eine Bereitschaft für innere Zusammenarbeit zu kultivieren. Neue Perspektiven zuzulassen. Die Dinge, die uns bisher quasi (in automatisierter Form) in ungünstige Muster gebracht haben, die sind keineswegs blöd und falsch, sondern Ausdruck von Loyalität gegenüber Wertesystemen im Inneren. Wertesystemen, die wir gelernt haben, die uns in unserer Identität massiv beeinflussen und einen Teil unserer Identität ausmachen. Und das kann z.B. eine Wertesystem sein, was es allen recht machen möchte. Alle Erwartungen gut erfüllen möchte. Und es ist dann nicht sinnvoll, dass wir anderen Menschen raten sich doch endlich mal für eine Seite zu entscheiden. Das bringt sie in Loyalitätskonflikte. Die Hauptaufgabe ist nicht irgendetwas beiseite zu schieben, sondern die optimale Kooperation der Teilbereiche zu unterstützen. Dafür brauchen wir eine Achtung für alle Teilbereiche. Es geht um eine Übersetzung der ungewünschten Verhaltensweisen und Reaktionen in wertvolle Informationen über Bedürfnisse usw. Mediation zwischen Teilbereichen des inneren und des interaktionellen Systems. Das ist die entscheidende Aufgabe. Feedbackschleifen sind wichtig. Die EINE Wahrheit gibt es nicht.

Was man eher brauchen könnte, wenn man nicht immer gelassen und zufrieden usw. sein kann, wäre so etwas wie eine Meta-Balance. Das bedeutet, dass man nicht immer anstrebt gelassen und zufrieden zu sein, sondern eine Balance zwischen „in Zufriedenheit sein“ und dann wieder „ein bisschen unzufrieden mit sich sein“. Mal entspannt sein und dann wieder nicht entspannt sein. Mal stabil und dann wieder nicht stabil. Gerade nicht einseitig. Optimales Management von Ambi- oder Multivalenzen – die bleiben, die NICHT aufgelöst werden. Das ist das was Menschen flexibel, kreativ, kraftvoll und gesund macht. Was wir aber typischerweise als Ideologie hören ist: Du musst es jetzt so und so machen und wenn man mal zweifelt, dann bekommt man den Rat: Ja, Du musst Dich jetzt halt mal entscheiden. Das kommt alles aus der kognitiven Großhirnrinde, die dem lebenden System nicht gerecht wird. Aber so lernen wir es in unserer Kultur.

Also, mehr in Akzeptanz sein zu heißt: jetzt bin ich in Balance. Mal sehen wie lange. Und jetzt bin ich gar nicht in Balance. Cool, ich bin noch flexibel. Den Erwartungen voll gerecht werden in dem Wissen, dass ich morgen das nicht schaffen werde. Zufrieden mit sich sein und dann wieder unzufrieden. Allem gerecht werden wollen und dann wieder genau das Gegenteil zu machen. Jetzt reichts mir. Und sich ruhig auch mal richtig antreiben und nicht immer nur gut Freund mit sich sein. Freund schon, aber in guten Freundschaften sagt man sich auch mal was Kritisches. Das hat ja was mit Achtung zu tun. Auch Achtung für sich selbst. Nur so entsteht Flow. Anders bekomme ich ihn nicht.