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Ein Vorwort aus Trainersicht…

  •  „There is no replacement for practise and a good teacher.“ Richard Strozzi-Heckler
  • „Practise is the thing we do to be faithful – not successful.“  Aus dem Podast ‚Daily Evolver‘ von Jeff Salzman

Erfolg ist das, was wir alle anstreben. Ob wir als Trainer mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ob wir im Breitensport tätig sind, ob wir Leistungssportler trainieren oder ob wir selbst Athlet sind – das, was uns verbindet, ist die Absicht Erfolg zu haben.

Ich bin seit 30 Jahren eng mit dem Profitennis verbunden. Spielte in den 90ern auf der Tour, hatte einige Matches gegen die ganz Großen dieser Zeit. Gut 10 Jahre Tennisbundesliga kamen dazu. Als meine Motivation und Inspiration nachließen, ich andere Interessen entwickelte, wechselte ich die Seite und arbeitete fortan als Trainer und Coach. U.a. war ich Bundestrainer und Teamchef des deutschen Davis-Cup Teams. Mein Herz hing von Anfang an am internationalen Profi-Tennis. Und so bin ich nun seit 20 Jahren in diesem Bereich tätig. Ich trainiere Profis, reise mit ihnen von Turnier zu Turnier um die Welt. In einem anderen beruflichen Tätigkeitsfeld berate und coache ich seit gut 10 Jahren Menschen im mittleren Lebensdrittel, die beruflich in Leistungskontexten tätig sind, rund um gesundheitsrelevante Themen.

In den letzten 20 Jahren auf der Tour war ich ungefähr bei 90% aller Grand-Slam Turniere live dabei. Ich habe als Trainer viele Tennis-Legenden hautnah erleben können. Oft als neutraler Beobachter auf der Tribüne und manchmal als Trainer eines Athleten, der gegen einen der Großen antreten konnte. Und so hat sich in mir ein Überblick und Erfahrungsschatz über die letzten 30 Jahre im Spitzentennis entwickelt. Es hat sich viel verändert! Ein wesentlicher Unterschied zwischen meiner Zeit als Profi in den 90ern und heute liegt in einer Spezialisierung und Professionalisierung des Trainingsprozesses. Es wird wesentlich detailreicher und präziser gearbeitet. Die Unterschiede zwischen den besten der Welt sind minimal. Was ein Blick auf die statistischen Auswertungen immer wieder belegt.

Die Wissenschaft wurde ernster genommen, und in 3 wesentlichen Bereichen – technisch/taktisch, athletisch, mental – immer öfter zu Rate gezogen. Neue Wege und effektivere Methoden wurden gesucht. Gab es in den 90ern in der Regel einen Coach für alles, so ist es heute notwendig und auch selbstverständlich, in einem Team zu arbeiten. Physiotherapeuten und Athletik-Coaches sind wichtige Begleiter der Profis und Feedbackgeber für die Coaches. Technik- und Taktikanalysen werden mittlerweile von externen IT-Anbietern erstellt und erleichtern die Trainerarbeit sehr. Im mentalen / psychologischen Bereich ist die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen, Performance Coaches usw. schon lange salonfähig geworden – mit der spitzen Anmerkung, dass sich die Trainer selbst noch nicht so sehr damit anfreunden können, selbst diese Angebote in Anspruch zu nehmen, um ihr Handeln zu reflektieren. Was so wichtig wäre…

Es gibt also auch im Spitzentennis eine deutliche Hinwendung zur Wissenschaft, zu belegbaren Fakten und Erkenntnissen in den eben erwähnten 3 Bereichen und dem Ruf nach einem möglichst einfach umsetzbaren Transfer dieses Wissens in die alltägliche Trainerarbeit. Zumindest in meiner Wahrnehmung hinkten wir hier im Vergleich zu anderen Sportarten im Tennis lange Zeit zurück. Das hat sich über die letzten 10 Jahre deutlich geändert.

Um zurück zum eingangs angesprochenen ‚Erfolg‘ zu kommen: Um die Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben, zu erhöhen – und nichts anderes können wir tun, als zu versuchen Wahrscheinlichkeiten zu beeinflussen – ist es also wichtig, sich immer wieder der Sportwissenschaft zuzuwenden. Und gerade der mentale, kognitive Bereich, auf den ständig von so vielen Trainern und Athleten als entscheidender Erfolgsfaktor im Spitzensport hingewiesen wird, braucht unsere verstärkte Aufmerksamkeit. Was gibt es in den Kognitionswissenschaften für Erkenntnisse? Was sagen Studien, was sagen sie nicht? Untermauern sie das intuitive und oft nicht rational erklärbare Trainerhandeln? Gibt es hier Neues, Wertvolles für den Sport? Vom Glauben zum Wissen sozusagen. Und: Bleibt es schwer verständliche Theorie oder ist eine Umsetzung in die tägliche Trainerarbeit möglich und realistisch? Genau hier setzt das hervorragende, tiefgründige Buch von Daniel Memmert an.

Doch bevor ich mich dem inhaltlichen Teil des Buches zuwende, möchte ich einige persönliche Anmerkungen geben und den Begriff ‚Erfolg‘ in einen größeren Kontext setzen.

Eingangs sagte ich, dass uns alle das Streben nach Erfolg verbindet. Das ist so gesehen der kleinste gemeinsame Nenner. Wenn wir jedoch darüber nachdenken, wie wir Erfolg für uns definieren und welche Bedeutung er für uns hat, dann werden wir uns in diesen Beschreibungen teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Je nachdem, welche Weltsicht wir haben, was Menschsein für uns bedeutet, je nachdem, was uns grundlegend wichtig ist, wo unsere Sehnsüchte uns hinführen, je nachdem, welche Werte uns leiten, je nachdem, wie wir in der Lage sind uns von uns selbst zu distanzieren und uns unserem Gegenüber, ob Einzelathlet oder Team, zuzuwenden, je nachdem, wie wir das Wohl des Ganzen im Auge haben. Unsere Antworten darauf werden zu unterschiedlichen Definitionen von Erfolg im Sport führen. Ein erster, schlichter Schritt der Differenzierung von Blickwinkeln kann hier hilfreich und sinnvoll sein.

ICH – WIR – ES.

Dies sind grundlegende Perspektiven, die wir gegenüber jedem Ereignis oder Aspekt der Wirklichkeit einnehmen können. Wir finden diese Pronomen in allen großen Hauptsprachen. Sie markieren die Perspektive aus der eine Wahrnehmung formuliert ist. Je bewusster ich diese einnehmen kann, desto differenzierter wird meine Wahrnehmung werden, desto mehr Informationen können zur Lösung von Fragestellungen, den Trainings- und Turnierprozess betreffend, gesammelt werden. In unserer heutigen Zeit tendieren wir immer noch recht stark zu einer nutzenorientierten, materialistischen, außenorientierten Weltsicht. Das ist oft hilfreich und bleibt trotzdem nur eine Teilwahrheit. Jeder Trainer kann das einfach nachvollziehen: Man hat eine Trainingseinheit systematisch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geplant. Und dann kommt es zum morgendlichen Erstkontakt mit dem Athleten und man spürt: Etwas stimmt nicht. Es liegt etwas in der Luft, eine Atmosphäre, die, wenn wir dafür sensibel sind, etwas anderes von uns verlangt. Wenn ich an diesen Tagen nur mein Expertenwissen zur Verfügung habe, werde ich nicht weit kommen.

Die ICH Perspektive einnehmen zu können, bedeutet, aus der Außenwahrnehmung in meinen ´Innenraum`, in mein inneres Erleben wechseln zu können: Ärger über die vergebens geplante Trainingseinheit könnte spürbar werden. Ein Widerstand, evtl. wieder die ‚alten‘ Geschichten des Athleten zu hören, eine Unlust flexibel darauf zu reagieren. Viele Knöpfe könnten in mir gedrückt werden und zu unangemessenen Reaktionen führen. Hierfür eine Selbstwahrnehmung zu entwickeln, Rituale und Routinen zur Verfügung zu haben, die mich in einen präsenten, zentrierten, ruhigen Zustand bringen, sind Qualitäten, um die es in der ICH Perspektive gehen würde. Diese Kultivierung von Präsenz als Coach ist untrennbar mit meiner Wirksamkeit verbunden. Und auch ganz grundsätzliche Fragen haben hier ihren Platz: Was trägt und nährt im Stress, im Scheitern? Wie steuere ich Belastung und Erholung? Wo sind die Momente der Ausgelassenheit, der Freude, der Heiterkeit in meinem Leben? Wo brauche ich Entwicklung? Wo sind meine Blind-Spots? Bin ich mir meiner Lebensgrundsätze bewusst, meiner Tugenden? Was sind die tiefliegenden Prämissen, die meinen Entscheidungen zugrunde liegen?

In der WIR Perspektive geht es weniger um mein inneres Erleben, sondern der Hinwendung zu meinem Gegenüber. Empathie, Wohlwollen den Athleten gegenüber. Ein Einfühlen, was die Situation braucht: Klarheit in der Ansprache? Eigenes Zurücknehmen und einfühlendes zuhören können? Kann ich Konflikte zulassen, die notwendig für Entwicklung sind? Kann ich sie konstruktiv und wohlwollend austragen? Teile ich klar und verbindlich mit, was ich als Trainer verlange und wo meine Grenzen sind? Was No-Gos in einer Zusammenarbeit sind? Und kann ich in meiner Wahrnehmung des anderen unterscheiden zwischen meinen Interpretationen und Projektionen? Kann ich inspirieren, dem Athleten Hoffnung und Zuversicht vermitteln? Im Sinne: Es wird ein schwieriger Weg – aber wir kriegen das hin! Schaffen wir eine Atmosphäre, in der wir selbst gerne trainiert hätten? Würden wir uns selbst als Trainer verpflichten?

Die ES-Perspektive: Das ist der Bereich der (Sport-)wissenschaft, Fachliteratur, außenorientierte messbare Fakten, intelligente Spielanalysen, die durch differenzierte Statistiken erklären, warum jemand ein Tennis-Match gewonnen hat und was daraus für den Trainingsprozess abzuleiten ist.

Die Qualitäten des ICH und WIR sind entscheidende Erfolgsfaktoren, und diese sollten wir als Trainer unbedingt weiterentwickeln. Das sind Fähigkeiten, die ich in uns Trainern für gleichwertig bedeutsam halte, im Vergleich zum außenorientierten Sachwissen. Denn: Gut ausgebildet in diesen Fähigkeiten werde ich mein Trainer Know-How wesentlich effektiver einsetzen können. Letztlich sollte klar sein, dass Veränderung nur über gewisse Bewusstseinszustände zu erreichen ist. Diese in mir erzeugen und in anderen fördern zu können, ist sehr hilfreich in der Trainerarbeit. In den Trainerausbildungen, zumindest gilt das für den Tennissport, könnte deutlich mehr Wert darauf gelegt werden.

Kurz zusammengefasst: Die Fähigkeit, diese unterschiedlichen Perspektiven situativ angemessen einnehmen zu können, das Einüben und das Spielen damit, gehören für mich zur Grundausstattung jedes Trainers. Wenn wir Trainer erfolgreich arbeiten wollen, müssen wir tief in unseren Absichten und Visionen verankert sein, brauchen tragfähige Routinen für die eigene Resilienz, sollten aus einem tiefen Wohlwollen unseren Athleten gegenüber handeln und brauchen die Fähigkeit, andere inspirieren zu können. Dass wir dabei zeitgemäß und die neusten Erkenntnisse in unserer täglichen Arbeit berücksichtigen sollten, versteht sich dabei von selbst. Oder?

Und hier ist die Brücke zu dem Buch von Daniel Memmert. Genau diese Art von Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse, in diesem Fall aus den Kognitionswissenschaften kommend, ist hilfreich für uns Trainer. Fundierte, auf Untersuchungen und Studien gegründete Aussagen. Denn sprechen wir offen: Wer von uns steckt nicht auch in unhinterfragten Trainingsroutinen, oder scheut Diskussionen mit Athleten über neue Methoden und befürchtet ein Scheitern damit. Und da wir Trainer oft in Teams arbeiten, in denen die Wissenschaft gar nicht wirklich eine Stimme hat, kein bis wenig Austausch zwischen Theorie und Praxis gepflegt wird, bleibt es bei den ´alten` Routinen. Aber wir müssen mit der Zeit gehen und den Mut haben mehr zu experimentieren. Dinge auszuprobieren, zu verfeinern, zu verwerfen und neu zu betrachten. Nichts anderes macht die Wissenschaft selbst auch. So entwickelt sich Qualität im Trainingsprozess.

Daniel Memmert führt zunächst ins Thema ein. Er macht sehr klar, wie wichtig es ist, die Prozesse im Kopf, die kognitiven Prozesse, und deren hohe Relevanz für erfolgreiche Leistungen und die Entwicklung von Spielintelligenz im Sport, zu verstehen und zu berücksichtigen. Welche Modelle und Evidenzen gibt es dazu? Welche nicht? Die Aufforderung an uns Trainer ist klar: Wir müssen in der Praxis beginnen, kognitive Fähigkeiten systematisch zu schulen.

Im Weiteren stellt er ein von ihm (mit-)entwickeltes Prozessmodell, welches die zentralen kognitiven Leistungsfaktoren beschreibt, vor. Diese liegen unseren Handlungen und Lösungsversuchen in den unterschiedlichen Spielsituationen zugrunde. Wie kommt es eigentlich von einer gegebenen Situation in einem Tennismatch zu einer Lösung? Welche Phasen werden dabei im Kopf durchlaufen? Je mehr Verständnis wir für diesen Prozess bekommen, desto wirksamer können wir darauf Einfluss nehmen. Wir können Stärken und Schwächen in einem Athleten besser erkennen, sie ihm verständlich machen und diese gezielt durch unterstützende Trainingsformen verbessern, stabilisieren und entwickeln. Begriffe wie Antizipation, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kreativität und Spielintelligenz tauchen hier auf. Und da diese Begriffe zum täglichen Wortschatz im Trainingsprozess gehören, ist es leicht, hier anzudocken und sich auf die Erkenntnisse einzulassen, die interessant und verständlich dargestellt werden. So tauchen evtl. auch Spielsituationen vor dem inneren Auge auf, die wir damit in Verbindung bringen können. Der bisherigen eigenen Wahrnehmung in der Arbeit mit unseren Athleten wird sozusagen mehr Tiefe und Erklärung an die Seite gestellt. Das ist hilfreich – für uns selbst und für die Argumentationslage in der Kommunikation mit unseren Athleten.

Daniel Memmert stellt Diagnostiktools vor, die dabei helfen können Stärken und Verbesserungspotential in unseren Athleten zu erkennen.

Die Erkenntnisse überträgt er in einen ausführlichen Praxisteil. Hier wird jeder Trainer fündig. Trainingsmonotonie kann durchbrochen werden. Neben den vorgestellten Übungsformen kann der eigenen Kreativität freien Lauf gelassen werden. Sind die Prinzipien verstanden, gibt es viele weitere Übungs-Variationen, die experimentell entwickelt werden können.

Kognitionen sind ein wesentlicher Leistungsfaktor, wenn wir Erfolg im Sport haben wollen. Das wird durch das von Buch Daniel Memmert glasklar. Ich sehe dies seit 30 Jahren im Spitzentennis. Die Top-Spieler verfügen hier über besser ausgeprägte Fähigkeiten. Mit diesem Buch werden neuste wissenschaftliche Erkenntnisse und praktisch umsetzbare Tools verbunden, um die so wichtigen kognitiven Fähigkeiten gezielt zu verbessern. Die Übungsformen sind altersunabhängig einsetzbar und auf jedes Spielniveau übertragbar. Es kann uns Trainern helfen, neue Aspekte ins Training zu integrieren, alte Routinen zu hinterfragen und sich als Trainer zu etablieren, der up-to-date und nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden arbeitet.

Wenn das Ganze noch in einer Atmosphäre von Humor, Leichtigkeit und Offenheit vermittelt wird, wird die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich nach oben weisen. Neue, effektivere Wege und Zugänge finden wir nur, sofern wir sie erproben. Nur Mut dazu. Verankern wir uns in aktuellem, wissenschaftlichem Wissen und handeln immer mehr aus einem umfassenden, integralen Bewusstsein heraus. Das wünsche ich uns allen. Das Buch ist ein schöner Beitrag dazu.